Keine Dokumentation ist keine Zeitersparnis. Sie ist ein aufgeschobenes Problem.
Dokumentation ist das erste, was gestrichen wird, wenn ein Projekt unter Druck gerät. Sie ist nicht sichtbar im fertigen Produkt. Kein Kunde fragt danach. Sie kostet Zeit, die man gerade nicht hat.
Das Argument klingt vernünftig. Es ist kurzsichtig.
Was fehlt, wenn Dokumentation fehlt
Wer eine Software ohne Dokumentation abliefert, liefert nicht weniger. Er liefert etwas, das für jeden nach ihm deutlich teurer zu verstehen ist.
Der nächste Entwickler, der diesen Code anfasst, muss herausfinden, was der erste gemeint hat. Das kostet Zeit. Meistens mehr Zeit, als das Schreiben der Dokumentation gekostet hätte. Und der nächste Entwickler könnte der erste selbst sein, sechs Monate später.
Dasselbe gilt für Prozesse. Wie wird in eurer Firma der Monatsabschluss gemacht? Wie wird ein neuer Mitarbeiter ins System aufgenommen? Wie läuft die Bestellfreigabe? Wenn die Antwort “das weiß Frau Müller” ist, dann ist Frau Müllers Urlaub oder Kündigung das Ende dieser Antwort.
Undokumentierte Prozesse sind Inselwissen in Verkleidung. Das Inselwissen nennt sich nur freundlicher: “das läuft halt.”
Warum die Schuld wächst
Technische Schuld aus fehlender Dokumentation ist anders als technische Schuld aus schlechtem Code. Schlechten Code kann man lesen, wenn man genug Zeit hat. Undokumentierten Kontext kann man nicht lesen. Man muss ihn rekonstruieren.
Rekonstruktion kostet mehr als Dokumentation. Immer. Und sie hat immer das Risiko, dass die Rekonstruktion falsch ist, weil der ursprüngliche Kontext nicht mehr verfügbar ist.
Je länger ein System ohne Dokumentation in Betrieb ist, desto teurer wird die Nachdokumentation. Das ist keine Meinung, das ist eine Kostenrechnung.
Was brauchbare Dokumentation nicht ist
Sie ist kein Roman. Sie muss nicht jeden Algorithmus erklären. Sie muss beantworten, was ein kompetenter Mensch braucht, um das System zu verstehen, das zu ändern, das weiterzuentwickeln oder das in einer Krise zu betreiben.
Für eine Software bedeutet das: Architektur-Übersicht, wichtige Abhängigkeiten, Schnittstellen zu anderen Systemen, Deployment-Prozess. Für einen Geschäftsprozess: wer, was, warum, welche Ausnahmen.
Das ist eine halbe Stunde pro relevantem Bereich, nicht ein Wochenend-Projekt.
Fazit
Wer Dokumentation als optionalen Luxus behandelt, verschiebt Kosten in die Zukunft. Die Zukunft ist meistens ein schlechter Zeitpunkt, weil man dann unter Druck steht. Wer heute in einem Projekt steckt, in dem Dokumentation fehlt, kann das klären. Wer dabei Hilfe braucht, wie man das strukturiert und realistisch nachholt, kann mich ansprechen.